Wie die Schultüte in die Schweiz einwanderte
Heute hatte meine Enkelin ihren ersten Schultag. Und dazu gehört natürlich auch eine Schultüte. Oder, wie wir früher sagten: Zuckertüte.
Gegen Ende des letzten Jahrhunderts erkannte man in einer Gruppe von Schulanfängern in der Schweiz die deutschen Mädchen und Jungen sofort. Denn hier war diese Tradition unbekannt.
Das hat sich inzwischen geändert. Mit deutschen Migrantinnen und Migranten kam der Brauch auch in die Schweiz. Zudem sah man immer wieder in den sozialen Medien strahlende Erstklässler und Erstklässlerinnen mit bunten Tüten. Die Idee, die Einschulung, einen besonderen Meilenstein im Leben ihres Kindes, auf diese Weise sichtbarer zu machen, gefiel offenbar auch Schweizer Eltern. Immer mehr übernahmen den Brauch.
Die Schultüte ergänzt heute den Schulthek und ist keineswegs mehr nur mit Süssigkeiten gefüllt. Glücksbringer, Nüsse oder kleine Schreibwaren finden darin Platz.
Die Zuckertüte – wer hat sie erfunden?
Die Tradition hat ihre Wurzeln im heutigen Ostdeutschland, in Thüringen und Sachsen. Sie entstand wahrscheinlich im späten 18. oder frühen 19. Jahrhundert, die Quellen sind sich beim genauen Zeitpunkt nicht ganz einig, und sollte den Kindern den Einstieg in den Ernst des Lebens versüssen. Jahrzehnte später war der Brauch bereits flächendeckend in Deutschland etabliert.
In der Schweiz hingegen kannte man ihn kaum. Eine ehemalige Nachbarin erzählte mir, dass man hier früher den Kopf darüber schüttelte, dass die Deutschen ihre Kinder auf diese Art zum Schulanfang verwöhnten. Das blieb bis gegen Ende des 20. Jahrhundert so.
Wie die Schultüte ihren Platz in der Schweiz fand
Stolz trugen Maidli und Buben am 1. Schultag ihren Schulthek, egal ob neu oder von älteren Geschwistern oder Freunden geerbt. Das war bei den Mädels und Jungs aus Deutschland ja nicht anders. Nur hatten diese noch einen bunten «Kegel» im Arm, mit lauter Überraschungen darin!
Und je mehr Erstklässler aus dem nördlichen Nachbarland hier eingeschult wurden, desto öfter fanden Schweizer Eltern die Idee der sogenannten Zuckertüte so schön, dass sie selbst eine bastelten. Alternativ kaufte man sie beim Wocheneinkauf in Deutschland gleich mit.
Es mag so etwa zehn bis 15 Jahre her sein, dass die ersten bunten Schultüten in Schweizer Papeterien, Online-Shops oder Warenhäusern auftauchten. Anfangs gab es vor allem Rohlinge zum Selbergestalten. Inzwischen findet sich ein schönes Sortiment mit modernen oder klassischen Motiven, farbenfroh und in ganz unterschiedlichen Grössen.
Was zunächst ein Erkennungszeichen deutscher Schulanfänger war, ist damit längst zu einem vertrauten Bild geworden. Ein schönes Beispiel dafür, wie sich Bräuche verändern, wenn Menschen ihre Heimat verlassen und anderswo ein neues Zuhause finden.
Denn mit Menschen wandern nicht nur Koffer und Möbel ein. Sie bringen auch ihre Sprache, ihre Rezepte, ihre Gewohnheiten und ihre kleinen Rituale mit. Manches davon bleibt innerhalb der Familie. Anderes wird von Nachbarn, Freunden und der neuen Umgebung übernommen und irgendwann ist kaum noch zu sagen, woher es eigentlich einmal kam.