Slow Journalism – warum gute Geschichten Zeit brauchen
Slow Hiking, Slow Food, Slow Travel: Überall begegnet uns heute der Wunsch nach Entschleunigung. Nach weniger Tempo, nach mehr Bewusstsein und nach Momenten, in denen wir nicht ständig funktionieren müssen, sondern uns auch einfach mal zurücklehnen dürfen. Und nun taucht immer häufiger ein weiterer Begriff auf: Slow Journalism. Ein langsamer Journalismus also. Ist das nicht ein Widerspruch? Kann man es sich in einer Zeit, in der Nachrichten im Sekundentakt über die Bildschirme rauschen, überhaupt leisten, langsam zu sein?
Ich finde diese Frage spannend, denn sie betrifft nicht nur den Journalismus. Sie betrifft eigentlich unsere gesamte Art zu leben. Wir sind ständig erreichbar, ständig informiert und ständig auf dem Weg zum nächsten Termin. Und dabei haben viele Menschen das Gefühl, dass etwas fehlt: Nämlich Zeit für sich selbst, für Familie, Freunde, Hobbys.
Eine Kaffeepause kann so wichtig sein
Eine Kollegin sagte einmal nach einer Veranstaltung, als ich gerne noch einen Kaffee mit ihr getrunken und über die gerade besuchte Vernissage diskutiert hätte: „Sorry du, das liegt leider nicht drin. Ich bin ohnehin immer zu spät dran. Vielleicht das nächste Mal!“ Sie stieg ins Auto, winkte und war verschwunden. An diese Begegnung muss ich oft denken. Sie zeigt etwas, das leider irgendwie normal geworden ist: Der Mensch hetzt durchs Leben.
Ich bin der Meinung, dass die besten Geschichten nicht durch Geschwindigkeit entstehen, sondern durch Aufmerksamkeit. Oft sind es die kleinen Momente, die später die schönsten Erinnerungen oder interessantesten Texte ergeben.
Slow Journalism – Zeit nehmen, um wirklich zu verstehen
Natürlich kenne auch ich hektische Tage. Die Deadline rückt näher, das Telefon klingelt, mehrere Aufgaben warten gleichzeitig und der Kaffee wird kalt, bevor ich überhaupt richtig angefangen habe. Aber wenn ich unterwegs bin, Menschen treffe und ihre Geschichten kennenlernen möchte, dann bringe ich vor allem eines mit: Zeit. Vielleicht ist das auch eine Frage der persönlichen Arbeitsweise. Manche Menschen funktionieren am besten im schnellen Wechsel zwischen vielen Aufgaben. Andere brauchen und wünschen die Möglichkeit, genauer hinzuhören und nachzufragen. Ich gehöre eher zur zweiten Gruppe.
Der Moment, in dem es interessant wird
Man merkt den Unterschied oft in Gesprächen. Es gibt den Austausch, bei dem ein paar Informationen abgefragt werden und danach geht es weiter. Und dann gibt es diesen besonderen Moment, in dem jemand innehält, kurz nachdenkt und plötzlich noch etwas erzählt, das eigentlich gar nicht geplant war. Genau dort wird es spannend. Manchmal wird mir etwas anvertraut: „Schreiben Sie das bitte nicht!“ Das bleibt dann selbstverständlich bei mir. Oft freuen sich die Interviewpartner, dass man sich für sie interessiert und nicht nur oberflächlich zuhört, sondern wirklich Zeit mitbringt. Zuhören, das mache ich sowieso gerne. Und so kommen Geschichten zu mir, die ich gar nicht erwartet hatte. Das passiert manchmal einfach so im Zug, wenn aus einem zufälligen Gespräch plötzlich eine interessante Begegnung entsteht. Oder im kleinen Laden um die Ecke, wenn beim Bezahlen die Kassiererin erzählt, dass es mit dem Geschäft schwieriger geworden ist.
Nicht alles muss sofort passieren
Ich bewundere Menschen, die im Sekundentakt Nachrichten liefern können. Diese Geschwindigkeit verlangt viel Können und eine besondere Arbeitsweise. Aber mein Rhythmus ist ein anderer. Denn wenn alles sofort weiter muss, bleibt meiner Meinung nach zu wenig Platz für das, was zwischen den Zeilen passiert. Es gibt doch noch diese kleineren Details, die einen Menschen ausmachen und es sollte einfach Zeit sein für die Geschichten hinter den Fakten.
Mehr als nur der nächste Inhalt
Es ist nun einmal so: Wir leben in einer Zeit, in der Informationen jederzeit verfügbar sind. Nachrichten, Meinungen und Kommentare erscheinen ohne Pause. Ein kurzer Blick aufs Handy genügt und schon wartet das nächste Thema. Und wer hat nicht schon festgestellt, wie viel sinnlose (Lebens-)Zeit beim Scrollen verlorengeht. Es ist kein Wunder, dass wieder die Sehnsucht nach etwas anderem wächst. Nach Zeitungsberichten zum Beispiel, die nicht nur oberflächlich informieren. Nach Texten, die nicht schon nach dem Lesen des letzten Abschnitts wieder vergessen werden.
Ich erinnere mich an ein Gespräch mit einer Seniorin, bei der ich einmal am Küchentisch sass. Neben dem Thema, wegen dem ich zu ihr gekommen war, sprachen wir auch über Zeitungen und darüber, wie sich der Journalismus verändert hat. Sie meinte irgendwann: „Die Zeitung muss gar nicht noch dicker werden. Das braucht doch kein Mensch.“ Ich fragte sie, was sie damit meine. Sie überlegte kurz und sagte: „Na ja, die Berichte sollten einfach besser sein. Nicht nur das, was der Redaktion gefällt, sondern das, was uns interessiert. Wir sind es ja schliesslich, die sie lesen.“ Sie sagte es mit einem gewissen Humor. Aber je länger ich darüber nachdachte, desto mehr Wahrheit steckte in diesem Satz. Mehr Inhalte zu produzieren, damit genug in der Zeitung steht? Vielleicht geht es darum, wieder genauer hinzuschauen, besser zuzuhören und Berichte zu schreiben, die Menschen wirklich erreichen. Nicht möglichst viele Beiträge, sondern die richtigen.
Sitzen bleiben, wenn andere schon gehen
Slow Journalism klingt für viele nach einem modernen Trend. Nennen wir ihn langsamen Journalismus, wirkt der Begriff schon wieder fast etwas altbacken.
Für mich ist das mein Berufsalltag. Meine Arbeit würde mir keinen Spass machen, müsste ich durch den Tag hetzen. Ich möchte Gespräche nicht sofort beenden, nur weil die wichtigsten Fragen beantwortet sind. Solange mein Gegenüber etwas zu sagen hat, höre ich zu, auch wenn es etwas Persönliches ist. Dann heisst es ganz einfach, noch ein wenig sitzen zu bleiben, wenn andere bereits aufbrechen.
Mein Fazit
Slow Journalism bedeutet für mich nicht, langsam zu sein, nur um langsam zu sein. Es bedeutet, meine Arbeit mit Tiefgang zu machen, was im Turbogang nicht möglich ist. Es bedeutet, den Menschen wahrzunehmen, mit dem ich ein Gespräch führe, dessen Projekt ich vorstelle oder dessen Meinung zu einem bestimmten Thema ich herausfinden soll. Und ja, ich bin mir bewusst, dass es ein Privileg ist, sich Zeit für seine Arbeit nehmen zu können. Aber deshalb liebe ich meinen Job!